Da oben etwas anders machen

Harald Christ ist Vorstandsvorsitzender eines Finanzunternehmens und schwul. Aber mal ehrlich: Es gibt Wichtigeres.

VON SONJA HARTWIG – 8. OKTOBER 2015 DIE ZEIT No 41

Es gibt vor der Recherche für diesen Text eine Bedingung, und die heißt: Bitte keine reine Schwulen-Story.

Das hat den Hintergrund, dass der, um den es hier geht, schwul ist. Er hatte sein Outing vor sechs Jahren, er ist eine Führungskraft in der Wirtschaft. Diese Kombination macht die Sache, na, wie soll man es sagen: Auffallend?

Außergewöhnlich? Besonders?

Sagen wir, es macht die Sache leider nicht ganz gewöhnlich. Sonst hätte Apple-Chef Tim Cook im vergangenen Jahr keinen Hype ausgelöst, als er sagte, er sei stolz, schwul zu sein. Sonst würden sich hierzulande auch die trauen zu reden, die noch drin sind in den Unternehmen, noch drauf auf der Karriereleiter. Sonst hätte der, um den es hier geht, nicht ein Mal von einem Personalberater gehört, er könne ihn nicht vorschlagen für den Job, der Konzern wolle jemanden mit einem intakten
familiären Umfeld.
Harald Christ war einer der ersten deutschen Topmanager, wenn nicht gar der erste, der sagte, er sei schwul. Noch immer ist er einer von ganz wenigen, das macht ihn besonders. Dabei will Christ eigentlich am liebsten, dass es normal ist. Vor einem
Jahr, als alle über Tim Cook schrieben, hätte er sich die Überschrift gewünscht: Tim Cook ist schwul – na und, Fragezeichen. Noch besser gefiele ihm, dass niemand sagen müsse, er sei schwul, dass es niemanden interessiere, aber jetzt, sagt
Christ, sei es so: »Der Hype führte dazu, dass viele, die in einer ähnlichen Situation sind, diesen Schritt nicht gehen: Sie wollen den Hype nicht.«

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