Förderkreis der Hirschfeld-Stiftung gegründet

Berlin

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Ein elitärer Zirkel soll u.a. Spenden sammeln und Türen in die Wirtschaft öffen. Zu den Gründern gehören Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Thomas Sattelberger und Harald Christ.
Von Micha Schulze

Lesben und Schwule sind nun endgültig in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Bekannte Unternehmer, Politiker, Anwälte und sogar ein Superintendent haben am Donnerstagabend in Berlin den „Förderkreis der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld“ gegründet. Zur Vorsitzenden wurde die ehemalige Bundesjustizministerin

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) gewählt.
Der Verein soll „Türen in Wirtschaft und Gesellschaft öffnen“, erklärt Stiftungsvorstand Jörg Litwinschuh, der mit der 2011 von der schwarz-gelben Bundesregierung errichteten Einrichtung selbst bereits einigeverschlossene Tore aufgesperrt hat. So fand die Gründungsversammlung des Förderkreises direkt vor dem Charity-Dinner im Berliner Hotel Grand Hyatt statt, für das rund 180 Gäste jeweils stolze 250 Euro Eintritt zahlten. Die Erlöse kommen den Stiftungsprojekten „Fußball für Vielfalt“ und „Archiv der anderen Erinnerungen“ zu Gute (ein Bericht vom Benefiz-Event folgt im Laufe des Tages).

Auch taz-Chefredakteurin und CDU-Staatssekretär dabei
Zu den zwölf Gründungsmitgliedern des Förderkreises gehören neben der FDP-Politikerin Leutheusser-Schnarrenberger der Ex-Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger, taz-Chefredakteurin Ines Pohl, der Berliner Justizstaatssekretär Alexander Straßmeir (CDU), Superintendent Dr. Bertold Höcker vom Evangelischen Kirchenkreis Berlin-Stadtmitte, die Anwälte Seyran Ate_ und Torsten F. Barthel, die Unternehmer Samuel van Oostrom und Matthias Woestmann sowie die Geschäftsführerin der LAG Lesben in NRW, Gabriele Bischoff. Als Privatpersonen sind auch die beiden Banker Harald Christ und Jean-Pierre Sorichilli dabei – Christ hat den stellvertretenden Vorsitz des Förderkreises übernommen, Sorichillis VP Bank ist mit 70.000 Euro der bislang größte private Förderer der Bundesstiftung.

Der Verein sieht sich laut Satzung [1] in erster Linie als Unterstützer der Hirschfeld-Stiftung. So soll er u.a. Spenden und weitere Drittmittel einsammeln, die finanzielle Ausstattung der verschiedenen Projekte erhöhen sowie die Stiftung bei großen Veranstaltungen unterstützen. Ziel ist darüber hinaus die „Förderung des fachlichen Austauschs und der Begegnung zwischen Wissenschaftlern, Bildungsexperten, Persönlichkeiten der Wirtschaft, der Kultur, des Sports, der Gesellschaft und ihrer Verbände, der Medien und der politischen Praxis, um der Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen, Transgender und Inter*-Personen (kurz: LSBTI*) in Deutschland entgegenzuwirken“.

Die Förderkreis-Idee hatte Jörg Litwinschuh bereits 2012 in das Kuratorium eingebracht. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger griff die Idee nach ihrem Ausscheiden aus der Bundespolitik auf und ging das Vereinsprojekt in Absprache mit der Stiftung an. Thomas Sattelberger stieß als tatkräftiger Unterstützer rasch dazu. „Ein Förderkreis kann unserer Stiftung weit mehr als finanzielle Impulse geben“, freute sich Litwinschuh gegenüber queer.de. „Einflussreiche engagierte Menschen aus Justiz, Politik, Wirtschaft, Medien und Verwaltung, die den Wert einer vielfältigen Gesellschaft erkannt haben und dies aktiv fördern, können ein großer Gewinn für unsere Zweckverwirklichung und Verankerung in der Mehrheitsgesellschaft sein.“

Allerdings kann nicht jeder x-beliebige Mensch dem neuen Verein beitreten. Mitglied kann laut Satzung nur werden, wer vom Vorstand eine offizielle Einladung erhält. Die bisherigen Mitglieder können dem Vorstand dafür unverbindliche Empfehlungen aussprechen. Warum so elitär? Um viel Geld für die Stiftung zu sammeln, brauche es einflussreiche sowie vermögende Personen, argumentieren die Gründer.

Auch die Sorgen von Schwulen- und Lesbenorganisationen, die von einer solch großen finanziellen Unterstützung für ihre politische Arbeit nur träumen können, versucht der Förderkreis zu zerstreuen. „Er wird der gesamten Community nutzen, denn die Stiftung kann künftig mehr ausschütten“, erklärte einer der Initiatoren gegenüber queer.de. Außerdem würden weitere Türen in Wirtschaft und Gesellschaft aufgestoßen, wovon nicht nur die Hirschfeld-Stiftung profitiere.

Statements der Gründerinnen und Gründer
Warum engagieren sich Prominente aus Wirtschaft, Politik und Medien für die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Wir haben die Gründerinnen und Gründer nach ihrer Motivation befragt:

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger:
„Mit der Gründung des Förderkreises der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (BMH) wollen wir Gründerinnen und Gründer einen Beitrag gegen die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität leisten und für ihre Anerkennung und Wertschätzung werben. Unsere Ziele sind die Einbindung gesellschaftlicher Akteure und die Stärkung der finanziellen Handlungsmöglichkeiten der BMH, deren Gründung ich als frühere Bundesjustizministerin initiiert habe. Immer noch gibt es Vorurteile, Unkenntnis, Ablehnung bis hin zu Verachtung und Diffamierung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender-Menschen, Transund Intersexuellen (LSBTTI*). Menschen Mut machen, die sich wegen ihrer sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität ausgegrenzt fühlen – das soll mit gezielten BMH-Projekten in verschiedenen Bereichen wie der Wirtschaft, des Sports, der Gesundheitsversorgung durch den Förderverein unterstützt werden.“

Ines Pohl:
„Als Chefredakteurin der taz weiß ich, wie wichtig es ist, gerade Projekte, die nicht die unmittelbaren Interessen der Mehrheitsgesellschaft verfolgen, von vielen Schultern tragen zu lassen. Und als Journalistin weiß ich, dass Wissen Macht ist. Deshalb unterstütze ich den Förderkreis. Denn er wird dabei helfen, durch fundierte, wissenschaftliche Arbeiten und deren Veröffentlichung Vorurteile abzubauen und dazu beitragen, unsere Gesellschaft weiter zu liberalisieren und zu modernisieren.“

Seyran Ate_:
„Es ist mir eine besondere Ehre, im Förderkreis der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld mitarbeiten zu können. Der Satzungszweck der Stiftung entspricht vollkommen meinem politischen Verständnis und Wirken. Die Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung von Schwulen und Lesben und anderer sexueller Identitäten ist bedauerlicherweise noch weltweit eine bittere Realität. Sicher haben wir in Deutschland verhältnismäßig gute Verhältnisse geschaffen. Aber, es gibt noch sehr viel zu tun. Vor allem unter Menschen mit einem sogenannten muslimischen Migrationshintergrund zeigt sich eine große Ablehnung von Homosexualität und anderer sexueller Identitäten. Unter anderem in diesem Bereich will ich gerne meine Erfahrungen in den Förderkreis einbringen, aber natürlich auch grundsätzlich mich an Überlegungen beteiligen, wie Homophobie insgesamt zu bekämpfen und das Andenken an Magnus Hirschfeld und seine Arbeit zu bewahren ist.“

Torsten Barthel:
„Die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte zeigen, dass die Gleichberechtigung der Homosexuellen und die noch nicht ausreichend erfolgte gesellschaftliche Wahrnehmung und Gleichstellung von Transgender und intergeschlechtlichen Menschen erst durch die Gewährung gleicher gesetzlicher Rechte vorangebracht werden kann. Daher müssen sich Staat und Zivilgesellschaft auch der Geschichte der Verfolgung und Repression von LSBTI* in den vergangenen 150 Jahren stellen – und die Forschung sowie die notwendigen Bildungsmaßnahmen verstärken. Aus diesen Gründen unterstütze ich gerne im Förderkreis der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld die Sichtbarkeit und Emanzipation von LSBTI* in Verwaltung, Justizwesen, Forschung und Bildung.“

Thomas Sattelberger:
„Die Gründung des Förderkreises setzt ein weiteres, wichtiges Zeichen für ein offenes, chancenfaires Deutschland. Schon zu meiner aktiven Managerzeit habe ich Wertschätzung von Vielfalt zu einem Kernthema der Personalstrategie gemacht und u.a. engagiert die Schirmherrschaft des queerbeet-Netzwerks des Telekom-Konzerns übernommen. Mit großer Freude führe ich diese Arbeit jetzt für die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld fort.“

Gabriele Bischoff:
„Seit über 20 Jahren engagierte ich mich haupt- und ehrenamtlich in unterschiedlichen Bereichen für Gleichberechtigung und Chancengleichheit. Diskriminierungserfahrungen werden heute selbstverständlich thematisiert, weil wir Lesben zusammen mit Schwulen und Feministinnen unterschiedlicher Herkunft gegen deren Tabuisierung gekämpft haben. Damit es kein Rollback gibt, will ich mich zukünftig auch im Förderkreis der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld einsetzen.“

Alexander Straßmeir:
„Auch wenn schon viel erreicht wurde auf dem Weg zur Gleichberechtigung von Schwulen, Lesben und Transsexuellen: Benachteiligung und Diskriminierung gibt es immer noch – auch bei uns in Deutschland. Häufig fällt der Gesellschaft nicht auf, wenn etwa Homosexuelle wegen ihrer sexuellen Orientierung benachteiligt oder sogar Opfer von Straftaten werden. Ebenso muss das Unrecht, das in der Bundesrepublik und der DDR gegenüber den nach § 175 Strafgesetzbuch verurteilten Männern begangen wurde, aufgearbeitet werden. Diesen Männern schuldet der Staat die Rehabilitierung, das bedeutet vor allem die Aufhebung der damaligen Urteile. Das ist auch eines der Ziele, das sich die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld gesteckt hat. Daher unterstütze ich sie sehr gerne mit meiner Mitgliedschaft im Förderkreis.“

Harald Christ:
„Chancengleichheit für alle in den verschiedensten gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Bereichen ist meine Maxime, die mir persönlich sehr wichtig ist. Seit vielen Jahren engagiere ich mich persönlich für Gleichberechtigung und Toleranz in unserer Gesellschaft. Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld verfolgt diese Ziele besonders für homosexuelle Frauen und Männer in Deutschland. Mit meinem Engagement im Förderkreis unterstütze ich darin sehr gerne die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld.“

Jean-Pierre Sorichilli:
„Für mich ist es wichtig, dass sich nicht ’nur‘ Politik und Gesellschaft für die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld einsetzten, sondern jede und jeder von uns Managern auch in seinem beruflichen Umfeld aktiv dafür wirbt, dass sich ihre Unternehmen und Banken stärker als bisher für Diversity engagieren und Bildungs- sowie Forschungs-Projekte mitfinanzieren.“

Matthias Woestmann:
„Die Gründung der Magnus Hirschfeld Stiftung durch das BMJ war für mich ein wichtiger Schritt der Politik auf dem Weg zur rechtlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung alternativer Lebensweisen. Aber ich möchte mich nicht auf den Staat verlassen, sondern halte bürgerschaftliches Engagement für einen Erfolg der Stiftung entscheidend. Deshalb bin ich gerne dabei. Unter den Projekten der Stiftung fasziniert mich insbesondere die Aufarbeitung der Geschichte der Homosexuellen im Dritten Reich nach dem Vorbild von Spielbergs Shoah-Foundation.“

Dr. Bertold Höcker:
„Aufgrund meines christlichen Menschenbildes setze ich mich für gesellschaftliche Vielfalt und Respekt ein. Das Engagement zur Unterstützung der Bundesstiftung ist dessen Ausdruckshaltung.“

Interne Links:
[1] http://www.queer.de/docs/bmh-foederkreis-satzung.pdf

Links zum Thema:
Homepage der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld
http://mh-stiftung.de/
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